Projekte:
Tracking Gandhi, 2014|15

“My life is my message.” (Mahatma Gandhi)

Als politischer und spiritueller Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung und in seinem kompromisslosen Einsatz für die Menschenrechte gilt Mahatma Gandhi heute als eine der großen Figuren des vergangenen Jahrhunderts – in einer Reihe mit von ihm beeinflussten Persönlichkeiten wie Martin Luther King oder Nelson Mandela. Das von ihm entwickelte Konzept des radikalen, gewaltfreien Widerstandes - zugleich Inhalt und Methode seines politischen Handelns– fasziniert bis heute. Trotz seiner unbestrittenen historischen Leistungen ist Gandhi ein Visionär geblieben. Wesentliche politische Ziele wie die gesellschaftliche Gleichheit aller Menschen, die Verständigung unter den Religionen, die Sicherung der Lebensgrundlagen für alle Menschen durch vegetarische Ernährung und regional kontrollierte Produktion sind bis heute nicht Realität.

Das fotografische Projekt “Tracking Gandhi” ist eine Reise zu den Orten in Indien, Afrika und Europa, die bedeutsame Schlüsselstationen oder Wendepunkte in Gandhis privatem und öffentlichem Leben bedeuteten. Es ist eine vielschichtige Reise. Zum einen scheint in den lebens-chronologisch geordneten Bilderwelten –vom Geburtshaus in Pordanbar im heutigen indischen Bundesstaat Gujarat bis zum Ort des tödlichen Attentats in Neu Delhi –die spannende und keineswegs widerspruchsfreie Lebensreise des Mohandas Karamchand Gandhi auf - eines Mannes, der sich von einem schüchternen jungen Rechtsanwalt zu einer welthistorisch bedeutsamen Figur entwickelte und in dieser Zeit sein spirituell fundiertes Verständnis von individueller Haltung, gesellschaftlichem Sein und politischem Tun ausformte.

Zum anderen visualisieren die Fotografien eine Reise durch die Zeit, denn in ihnen wird das den abgebildeten Orten eigene Spannungsverhältnis von Erscheinung in der Gegenwart und historisch-auratischer Aufladung sichtbar. Dieses Spannungs-verhältnis nimmt sehr unterschiedliche Formen an: Einige Bilder dokumentieren ein sichtbares Gedenken oder auch eine teils weitreichende geschichtspolitisch-museale Vereinnahmung. In anderen Fotografien, wie den Ansichten der Zellen in den nach wie vor genutzten Gefängnissen, in denen Gandhi inhaftiert war, manifestieren sich funktionale Kontinuitäten oder Über-formungen. In wieder anderen Bilderwelten sind visuelle Bezüge gar nicht mehr vorhanden oder nur noch ansatzweise zu ahnen, entweder weil die ursprünglichen Gebäude oder Landschaften nicht mehr existieren oder nur noch einzelne Bruchstücke an die Vergangenheit erinnern.

Hier eröffnen die Bilder des Projektes eine weitere Bedeutungsebene, die in der Zeit zwischen dem historischen Gandhi und unserer Gegenwart angesiedelt ist. Wie sich überlagernde archäologische Schichten liegen aufeinander folgende Vergangen-heiten, Gegenwart und befürchtete oder erhoffte Zukunft zugleich getrennt und ineinander verschränkt in den Tiefen-schichten der Bilder und evozieren Fragen, die sich vorschnellen Antworten ver-weigern.


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