Projekte:
love comes later,2014
(mit Marlene Apmann)

In den verschiedensten Kulturen überall auf der Welt waren bis ins letzte Jahrhundert arrangierte Ehen üblich und weit verbreitet. Auch in unserer Zeit wird diese Form der Eheschließung in einigen Teilen der Welt weiter ausgeübt.

In Indien sind arrangierte Ehen eine selbstverständliche Praxis. In den meisten Fällen kommt es zu einem Treffen der Familien des potentiellen Hochzeitspaares, das bei dieser Zusammenkunft auch anwesend ist. Immer häufiger bekommen die Kandidaten die Chance, sich persönlich zu treffen, bevor sie entscheiden, ob eine Hochzeit mit der vorgeschlagenen Person für sie vorstellbar ist oder auch nicht. Ein Nein wird ebenso akzeptiert wie das Ja, allerdings darf die Ablehnung nicht zu häufig erfolgen.

Anders sieht die Situation bei erzwungenen Hochzeiten aus: Dort wird vorrangig die Mitgift der Braut verhandelt, von der die Familie des Bräutigams eine einträgliche Bereicherung erwartet auf Kosten der Familie der Braut. Gegenwärtig werden in der urbanen Mittelschicht zunehmend auch Liebesheiraten geschlossen, die nicht nach dem Einverständnis der Familien fragen. Allgemein beliebt ist es, die eigentlichen Hochzeitsfeste im großen Stil zu feiern als ein buntes Spektakel mit wohl-vorbereiteter Choreografie in aufwendigen Dekorationen und mit vielen geladenen Gästen. Feiern mit bis zu 500 Gästen gelten als klein, bei den großen Hochzeitsveranstaltungen sind 1000 bis 10.000 Gäste anwesend. Für diejenigen, die zu den Wohlhabenden zählen, kennt die Illusionswelt der Hochzeitsindustrie keine Grenzen. Insgesamt zeigt sich ein wachsender Trend, die Hochzeitsfeiern als ein aufwendig gestaltetes Ereignis zu inszenieren; dabei werden die Veranstaltungsorte, große Hallen oder auch Zelte mit Hilfe von Kulissen-architekten in indische Traumwelten verwandelt – bisweilen als Repliken berühmter Tempel oder Paläste.

Zahlreiche Industriezweige profitieren im Kontext dieser Feierkultur. Der jährliche Umsatz bei Hochzeitsdienstleistern wird auf 50 Milliarden indische Rupies geschätzt und die Entwicklung dieses Marktes schreitet kontinuierlich voran. Durch all dies wird eine indische Hochzeit zu einem wahren Schauspiel in einer Kulissenwelt, in der das Brautpaar und die Gäste auf den verschiedenen Bühnen agieren und den Bund der Eheschließung zelebrieren. Mit der Serie „love comes later“ haben wir auf zwei Ebenen das Hochzeitsgeschehen abgebildet, ohne direkt bei den Ereignissen anwesend zu sein. Die Fotografien zeigen Ansichten von den Veranstaltungsorten, den Festhallen und Sälen im Zustand vor oder nach den prunkvollen Feierlichkeiten.

Der andere Teil der Arbeit besteht aus Porträts von verheirateten indischen Frauen, aufgenommen Monate bis Jahrzehnte nach ihrer eigenen Hochzeitsfeier. Gekleidet sind die ehemaligen Bräute in ihren Hochzeitssari und geschmückt mit ihrem Hochzeitsschmuck, soweit dieser noch vorhanden ist. Die porträtierten Frauen haben verschiedene religiöse Hintergründe und stammen aus unterschiedlichen Kasten. Alle leben in einer Ehe, in der manchmal Liebe Teil des Lebens geworden ist und manchmal nicht und haben sich entspannter als am Tag ihrer Vermählung in ihrem Hochzeitssari porträtieren lassen.


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