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Ausstellung: "Erscheinen/Verschwinden - ein deutsches Album", Bunkier Sztuki, Krakau

Photonews - Zeitung für Fotografie

Monat der Fotografie in Krakau von Vladimir Birgus, Juni 2007

Abgesehen von Frankreich, werden zur Zeit wohl kaum so viele Fotofestivals organisiert wie in Polen. Der Mai bietet in dieser Beziehung ein besonders reichhaltiges Programm. Eine Woche, nachdem in Krakau am 5. Mai das diesjährige Festival eröffnet wurde, lockt die Stadt Posen mit ihrer Biennale der Fotografie und wiederum eine Woche später gesellte sich zu dem Angebot das 6.Internationale Fotografie Festival in Lodz mit einem diesjährigen Fokus auf die spanische zeitgenössische Fotografie.

Der Krakauer Monat der Fotografie hat aus allen genannten Veranstaltungen den internationalsten Charakter und ist somit ein ernstzunehmender Konkurrent des ebenfalls international ausgerichteten Monats der Fotografie in der slowakischen Hauptstadt Bratislava. Dem Team um den Festivaldirektor Thomaz Gutowski ist es wieder gelungen, ein reichhaltiges Angebot von über 50 Ausstellungen, zahlreichen Vorträgen und Projektionen und, wie bei vielen Festivals üblich, Portfoliosichtungen auf die Beine zu stellen. Ein Problem in Krakau ist allerdings der Mangel an adäquaten Ausstellungsräumen. Somit werden Ausstellungen nicht nur in Museen und Galerien präsentiert, sondern auch an vielen mehr oder weniger geeigneten Orten wie einer alten Brauerei, einem alten Bad, in Privatwohnungen, Bars oder in den Szyndler Fabriken, die aus dem Spielberg-Film "Schindlers Liste" bekannt sind.

Eben in dieser Fabrik wurde sehr effektvoll die monumentale Ausstellung "Theatres of War" installiert, kuratiert von Mark Power von der Agentur Magnum. Überragend war hier die Multimediapräsentation des niederländischen Fotografen Geert van Kesteren mit dem Titel "Why, Mister Why?". Van Kesteren dokumentiert in beeindruckenden Farbaufnahmen ein vielschichtiges Bild der aktuellen irakischen Tragödie. Zu sehen sind visualisierte Fehler auf allen Seiten des Irak-Konfliktes, ohne dabei eine greifbare Lösung aus der ausweglosen Situation anzubieten. Ein weiteres, sehr starkes Kapitel von "Theatres of War" boten die französischen Panoramaaufnahmen des fränzösischen Fotografen Luc Delahaye aus seinem Zyklus "History". Zu sehen sind emotional distanzierte Aufnahmen von Leichen auf der Straße nach Kabul, Rauch über den bombardierten Stellungen der Taliban-Kämpfer sowie ein apokalyptisches Bild einer zerstörten Straße nach Bagdad. Obgleich Delahaye noch vor einigen Jahren als Fotoreporter für Magnum arbeitete, erinnern seine fast überästhetischen Großvergrößerungen eher an die künstlerischen Inszenierungen von Jeff Wall als an die klassische Kriegsreportage.

Das Krakauer Festival bietet stets einen großen Raum für Werkgruppen, die aus den jeweiligen Gastländern beigesteuert werden. Nach Ungarn, das im letzten Jahr herausgehoben wurde, war dieses Mal Deutschland zu Gast. Neben einer August Sander-Retrospektive sollten vor allem zwei Gruppenausstellungen deutsche Fotografie repräsentieren. In der von Michael Staab kuratierten Ausstellung "Appereance/Disappearance - A German Album" waren die hinlänglich bekannten Serien von Bernd und Hilla Becher zusammen mit Arbeiten junger Autoren aus Nordrhein-Westfalen zu sehen. Alle Fotografien bestachen durch technische Präzision, die den Betrachter unweigerlich an die (offensichtlich) großen Vorbilder wie Gursky oder Struth erinnert. Zu den interessantesten Arbeiten dieser Präsentation gehörten Aufnahmen von Anja Bohnhof, die Interieurdetails aus der ehemaligen DDR sowie von monumentalen Bauten aus der Hitler-Zeit fotografierte. Sehenswert waren auch die von Bernhard Fuchs fotografierten Autos in der Landschaft sowie Laurenz Berges melancholische Serie über das verlassene Dorf Etzweiler.

Sehr kontrovers wurde vom Publikum die zweite deutsche Gruppenausstellung "Failed Hope - die neue Romantik in der zeitgenössischen deutschen Fotografie" diskutiert. Die Kuratorin Andrea Domesle versuchte, den inspirativen Einfluss des bekannten Romantikers Caspar David Friedrich auf die zeitgenössische Fotografie zu belegen. In ihrer Auswahl von 14 Fotografen tauchte allerdings auch die Norwegerin Mette Tronvoll auf, die abwechselnd in Berlin und Oslo wohnt sowie die Finnin Tea Mäkipää, die ihre inszenierten Bilder in Deutschland realisierte. Die Ausstellung zeigte eine Reihe hochwertige Fotografien und Videoarbeiten, die sich direkt auf Caspar David Friedrich beziehen (Julia Oschatz) oder bei denen sich gewisse Beziehungen zu ihm finden lassen (Ulrike Flaig, Sylvia Henrich, Daniel Gustav Cramer oder Nathalie Grenzhauser). Hinzu kamen sehr freie Interpretationen (Tobias Zielony, Gregor Brandler). Doch waren auch sehr durchschnittliche Arbeiten zu sehen, bei denen die Beziehung zu Friedrich und der Romantik nicht nachvollziehbar waren.

Neben Ausstellungen berühmter Autoren wie Martin Parr, Andreas Petersen, Lorenzo Castore oder Adam Broomberg überzeugten Präsentationen polnischer Fotografen wie Premyslaw Pokrycki, der soziologisch interessante Gruppenportraits von Hochzeits- bzw. Trauergesellschaften fotografierte.

Leider fehlte in diesem Jahr eine vergleichbare Ausstellung zu "Polen heute", wie sie im letzten Jahr zu sehen war. Ebenso fehlten Einblicke in die fotografische Szene in Russland, der Ukraine, der Tschechischen Republik oder den Baltischen Ländern, die dagegen häufig beim Festival in Bratislava angeboten werden.

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