Presse:
Kunstpreis Jesteburg 2004

Hamburger Abendblatt

Kulturpreis Jesteburg: Kritische Töne

Entscheidung: Prof. Carl Vogel bemängelte in seiner Laudatio, dass die Jury einige Kunstwerke deutlich unterbewertet habe, von Adolf Brockmann, 14.09.04


Jesteburg - Die Jury hatte es nicht leicht, den Jesteburger Kulturpreis unter den Mitwirkenden an der Kunstwoche Jesteburg zu vergeben. Er ist mit 2500 Euro dotiert, wobei das Preisgeld von der Gemeinde zur Verfügung gestellt wird. Die Mitglieder der Jury kamen von der Barkenhoff-Stiftung in Worpswede, vom Kunstverein Harburger Bahnhof und von der Kulturabteilung des NDR-Fernsehens und wurden durch Bürgermeister Udo Heitmann komplettiert. Ihr Urteil: Der Preis wurde geteilt. Aber nicht nur deshalb erntete die Jury bei der Übergabeveranstaltung (erstmals in der Volksbank Nordheide) Kritik von Prof. Carl Vogel (80), früher Präsident der Hochschule für Bildende Künste Hamburg und bekannter Kunstsammler. Er gehörte der Jury selbst nicht an, war aber - zum zweiten Mal - gebeten worden, eine Laudatio auf die Preisträger zu halten.

Er vertrat die - nicht so deutlich ausgesprochene - Auffassung, dass mit den Preisen nicht unbedingt die Richtigen bedacht worden seien. Nach seiner Auffassung sei oftmals das Foto im Katalog zur Kunstwoche "Grenzfälle" besser gewesen als das Ergebnis. Außerdem - so die Auffassung von Vogel - seien Collagen und auch abstrakte Arbeiten seiner Meinung nach von der Jury deutlich unterbewertet worden.

Der erste Preis wurde zwischen der Fotografin Anja Bohnhof aus Dresden und Ingrid und Eimo Cremer aus Wolfsburg für ihre Installation "Letzte Worte" geteilt. Sie bekommen jeweils 1000 Euro, einen zweiten Preis erhielt Eckehard Fuchs für seine im neuen Rathaus und im Heimathaus gezeigten zum Teil pornographischen Zeichnungen und Ölbilder. Lobende Anerkennungen (ohne Geld) wurden Joan Thimmel für seine Installation "Inneres Licht" in der St.-Martins-Kirche und Gabriele Kleindienst zuteil.

Prof. Vogel gratulierte allen, aber er vertrat die Auffassung, dass sowohl bei den Fotos als auch bei der Installation das Motiv und die Zitate von Heine bis Renoir den Reiz ausgemacht haben. Und bei den Arbeiten von Fuchs die Tatsache, dass Sex eben jeden angehe. Wenn einer der mit Preis und Lob bedachten Künstlerinnen und Künstler in 20 Jahren einmal eine herausragende Bedeutung haben, so möge er sich in seinem Urteil getäuscht haben. "Dann möge der- oder diejenige eine Arbeit für meine Kunstsammlung zur Verfügung stellen."

Vogel äußerte sich auch sonst gewohnt bissig. Die Kunstwoche Jesteburg (72 Künstlerinnen und Künstler, über 10 000 Besucher in gut einer Woche) sei für ihn wegen des gebotenen Querschnitts zeitgenössischer Kunst wichtiger als die gegenwärtige Liebermann-Ausstellung in Hamburg. Er habe nichts gegen Liebermann, "sicher ein großer Maler", aber er wisse nicht, warum man seine Arbeiten gerade jetzt präsentieren müsse. "Ich kann mir nur denken, dass es darum geht, viele Menschen in die Kunsthalle zu holen und damit auch das Eintrittsgeld."

Sowohl Bürgermeister Udo Heitmann (er überreichte auch die Urkunden) als auch Professor Vogel und der 2. Vorsitzende des Trägervereins der Kunstwoche, Hans Jürgen Börner, dankten den Organisatorinnen um Karin Klesper, die das Ereignis seit Monaten vorbereitet hatten. Einige der Arbeiten werden noch weiter zu sehen sein: für einige Tage die Werke in der Kunststätte Bossard, für "sicher einige Jahre" die von Ingo Thalmann neu gestaltete Eisenbahnbrücke. Als ärgerlich wurde registriert, dass bei der Abschlussveranstaltung all die Landtags- und Bundestagsabge-ordneten sowie Vertreter des Kreises durch Abwesenheit glänzten, die sich noch eine gute Woche zuvor zur Eröffnung beim Besuch des Ministerpräsidenten in seinem Glanze gesonnt hatten und ins Blitzlicht der Fotografen drängten.

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