Presse:
Ausstellung: "Geerbte Steine", 2003

Harburger Anzeiger

Von vorgestern bis in die Gegenwart, von Ernst Brennecke, 12.11.03

Harburg. Zu einer Zeitreise wird derzeit der Besuch der Vereins- und Westbank in der Harburger Fußgängerzone. "Geerbte Steine" heißt die Ausstellung mit Fotografien von Karen Weinert und Anja Bohnhof. Diese Reise führt ins "Dritte Reich", in die DDR und in die Hochhausgegenwart der Großstädte.

Zu sehen sind Fotos, die auf den ersten Augenblick enttäuschen. Denn sie sehen ganz und gar unspektakulär aus. Jedes Bild für sich hat auch nichts (oder kaum) mit Kunst zu tun. Kunst werden sie erst durch das Zusammenspiel im Kopf des Betrachters.

Und da sind die Hochhausbilder, an denen die beiden Damen gemeinsam gearbeitet haben, die Spektakulärsten. Denn auf den großformatigen Bildern geht es nicht nur um die Gebäude, sondern auch um deren Bewohner.

So haben auf einem Bild alle Balkone den gleichen Blumenkasten, auf einem zweiten Bild (mit zwei Häusern) entstand durch heruntergezogene Rollos ein doppeltes Farbband. Bei einem dritten Haus versammelten sich die Bewohner jeder Etage auf dem Nottreppenhaus. Zwei weitere Bilder zeigen Häuser ohne Zutaten. Deren Bewohner machten bei keinen Aktionen mit.

Anja Bohnhof und Karen Weinert wählten mit Bedacht ein Fotoformat, das kaum an die Wand passt. Nur durch diese Größe vermittelt sich Tristesse, Einsamkeit und Menschenfeindlichkeit dieser Siedlungsform. Mit ihren Aktionen haben die beiden Fotografinnen versucht, etwas zur Kommunikation unter den Hausbewohnern beizutragen. Das Gelingen bzw. dessen Erfolglosigkeit übertragen sich auf den Betrachter.

In die Vergangenheit geht es mit den Bildern, die Anja Bohnhof allein gemacht hat. Dabei sind die Arbeiten, die auf dem ehemaligen Reichsparteigtagsgelände bei Nürnberg entstanden, von beklemmender Wirkung. Denn hier - bei vom Gras überwucherten Steintreppen und vor sich hinmodernden Wänden - stellt sich die Frage nach unserer Vergangenheit und Vergangenheits-bewältigung. Darf man auf diesem Gelände eine Half-Pipe für Skater errichten? Muss ein solches Gelände überhaupt stehen bleiben? Bekanntlich ist nichts für die Ewigkeit gebaut.

Nostalgisch wird es bei den Aufnahmen aus der DDR-Vergangenheit. Allerdings tritt dabei nun ein unerwarteter Aspekt für "Wessis" ein. Denn erst jetzt, nachdem einige Bewohner der alten Bundes-länder endlich bereit sind, sich vorurteilsfrei mit der DDR auseinanderzusetzen, ist zu erkennen, dass sich das Leben diesseits und jenseits der innerdeutschen Grenze ähnlicher war, als man es wahrhaben wollte - Honecker-Fotos, Trabis und FDJ-Orden natürlich ausgenommen.

Vereins- und Westbank Harburg, Lüneburger Straße 3, bis 16. Januar 2004 während der Schalterstunden geöffnet.

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