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Ausstellung: "Abwesenheitsnotizen"

Dresdner Kulturmagazin

Keiner zu Hause - Was bleibt, wenn Luther, Einstein und Frau Droste-Hülshoff ausgezogen sind

Dresden (von Andre Hennig). Herr Luther ist gerade nicht daheim. Schlimmer noch, offenbar ist er unbekannt verzogen. Sein wurmstichiger Schreibtisch ist nicht mehr da, nicht der kunstvoll gearbeitete Stuhl davor, nicht der Walwirbelschemel, auch Cranachs "Junker Jörg" an der Wand fehlt. Die Butzenscheiben und die grob gezimmerte Wandvertäfelung weisen noch darauf hin, dass Herr Luther sich sicher nicht mit Ikea-Möbeln umgab, aber schon in letzter Zeit war aufgefallen, wie er sich mehr und mehr die Gestaltungsprinzipien der Moderne ins Haus geholt hatte, less is more.

Noch vor hundert Jahren, alte Aufnahmen beweisen es, hatte Herr Luther einige Bilder mehr an der Wand, ein wenig Unordnung auf dem Tisch und der ehemals schrundige Fußboden ist mittlerweile glattem Estrich gewichen. Was wir nun aber sehen, ist rein überhaupt nichts, abgesehen von den Butzen und der Täfelung. Den abwesenden Herrn Luther müssen wir uns ganz und gar zusammenreimen.

Die Fotoserie "Abwesenheitsnotizen" von Anja Bohnhof und Karen Weinert in der bautzner69 zeigt Ansichten von musealen Gedächtnisstätten historisch bedeutender Persönlichkeiten, in denen der Blick über eine inszenierte Leere irrt und nur an den Insignien der Gegenwart - Steckdosen, Heizkörper, Klimaanlagen, Überwachungskameras - hilflos hängen bleibt.

Hier soll Robert Schumann komponiert, August Macke gemalt, die Droste-Hülshoff gedichtet haben? Hier hat sich Einstein über das Durcheinander der Quantenphänomene gewundert und Luther den Teufel mit Tinte beworfen? Wer's glaubt. An Orten wie diesen braucht der Personenkult Folklore, einen Flügel, eine Staffelei oder eben einen Walknochen.

Wir erwarten eine arrangierte "Aura" aus Artefakten und Plagiaten, um des Reformers Geist durch die Wartburg wandeln sehen zu können. Was dieser Heiligenschein aus Dingen mit der historischen Realität zu tun hat, kann man anhand der Geschichte der Lutherstube ahnen. Bohnhof und Weinert lassen unsere Suche nach der Persönlichkeit hinter der Berühmtheit kaltblütig ins Leere laufen.

Zwingen den Blick auf das Wenige, was noch da ist. Lassen uns in den Streifen der Tapete, im Dreck unter dem hinaus geräumten Schrank, in den Holzbalken an der Decke nach dem Engel der Geschichte suchen. Doch den hat es, Heizkörper und Steckdosen zeugen davon, längst ins hier und jetzt geweht und es treibt ihn weiter Richtung Zukunft, auch wenn der Engel ihr den Rücken zukehrt. Hier ist nichts und niemand mehr zu Hause. Höchstens unser kleines bisschen Fantasie, mit dem wir vorerst, mit dem wir vorerst ganz allein zurückbleiben, um angesichts des Leerraums individuelle mit kollektiven Mythen abzugleichen.

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