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Rezension: "Webwissenschaft - Eine Einführung",

Rezension: Konrad Scherfer (Hg.): Webwissenschaft - Eine Einführung Berlin: LIT 2008 (Reihe Einführungen Kommunikationswissenschaft, Bd. 2), 286 S., ISBN 978-3-8258-0947-8, 24,90 Euro

MEDIENwissenschaft Band 3/2009 von Thomas Nachreiner (Erlangen-Nürnberg/Berlin)

Nach wie vor stehen die Kommunikations- und Medienwissenschaften vor erheblichen Schwierigkeiten, wenn es darum geht, die Netzmedien in ihrer Heterogenität und Komplexität zu beschreiben. Umso drängender ist daher die im Vorwort aufgeworfene Frage, "ob sich die Auswirkungen des neuen Mediums überhaupt noch auf der Basis von bestehenden medien- und kommunikationswissenschaftlichen Traditionslinien erforschen lassen" (S.7). Die Autoren der vorliegenden Publikation verneinen dies und artikulieren demgegenüber die Notwendigkeit einer eigenständigen Webwissenschaft, um die neuartigen medientechnischen und strukturellen Qualitäten des World Wide Web fassbar zu machen. Entsprechend versteht sich der Band als Versuch, hierfür in drei Teilen die Grundlagen zu schaffen: durch eine übergreifende webtheoretische Gegenstands-
bestimmung, durch die Skizzierung webimmanent wirksamer Bereiche sowie durch verschiedene fachspezifische Perspektiven auf das Web.

Dass die Publikation sich von anderen heterogenen Textsammlungen zu den Netzmedien unterscheidet, ist vor allem den programmatischen Beiträgen von Konrad Scherfer und Helmut Volpers zuzuschreiben, die sich als Basis der Gegenstandsbestimmung den methodischen und wissenschaftsstrategischen Problemstellungen einer Webwissenschaft widmen. Explizit verweist Scherfer auf die Defizite der deutschen Medienwissenschaft bezüglich der Webforschung und kritisiert mit Seitenblick auf Jochen Hörisch und Friedrich Kittler insbesondere die "Setzung der medientechnischen Argumente mit Hilfe metaphorischer Akrobatik" (S.14). Ihr Fokus auf die Grundeigenschaften von Computer und Internet verstelle letztlich den Blick auf die Medienspezifik des Web, die sich laut Scherfer nicht in strukturellen Kapazitäten wie Digitalität, Hybridisierung oder Interaktivität erschöpfe, sondern vielmehr im distinktiven Ordnungsmodell der Plattform zum Ausdruck komme. Das Medienangebot auf Plattformen werde ohne institutionelle Filter dezentral produziert und genutzt, erfahre mithin also keine Komplexitätsreduktion oder Konventionalisierung und entziehe sich daher auch einem traditionellen Medienbegriff. Entsprechend sieht Scherfer die Aufgabe der Webwissenschaft darin, das noch nicht kategorisierbare Repertoire des Web zu systematisieren und die Rückwirkungen der Plattformmodelle auf die 'alten Medien' zu untersuchen.

Wie Scherfer in Bezug auf die Medienwissenschaft, so übt Helmut Volpers Kritik an der Kommunikations-wissenschaft aufgrund ihrer mangelhaften Annäherung an den neuen Gegenstand: Um die Vielschichtigkeit des World Wide Web fassbar zu machen, fordert er unter Verweis auf die anglo-amerikanische Web Science ein verstärkt "bikulturelle[s] Denken [...] in mathematisch-naturwissenschaftlichen und sozial-geisteswissen-
schaftlichen Kategorien" (S.40). Dadurch solle das Web nicht nur als Gegenstand der wissenschaftlichen Erkenntnissuche handhabbar gemacht werden, sondern die Webwissenschaft auch imstande sein, einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Mediums zu leisten. Dergestalt, so Volpers, würde sich das Fach nicht bloß auf einen interdisziplinären Ansatz beschränken; stattdessen könnte es als "transdisziplinäre Integrationswissenschaft" (S.49) vielmehr den Ausgangs- und Umsetzungspunkt einer fächerübergreifenden Webforschung bilden.

Obwohl die Etablierung einer neuen Disziplin im Sinne Volpers nicht als einzige Perspektive gelten kann und auch in Scherfers Beitrag verschiedene, durchaus webspezifische Forschungsstränge ignoriert werden, ist die Relevanz der entworfenen Programmatik nicht von der Hand zu weisen: Während im internationalen Kontext Spezialisierungen wie New Media Studies, Cyberculture Studies und Web Science forciert werden, drohen die deutschen Medien- und Kommunikationswissenschaften den Anschluss zu verpassen. Die Forderung nach einer zukunftsgerichteten Spezialisierung sollte man sich daher dringend ins Stammbuch schreiben.

In programmatischer Hinsicht können die anschließenden Beiträge diesen ambitionierten Grundlegungen nur teilweise gerecht werden: So liefern Rainer Leschkes Beitrag zum Misserfolg von Hyperfictions und auch die Behandlung virtueller Identitäten durch Helmut Volpers und Karin Wunder nur punktuelle Einblicke in die Webspezifik der besprochenen Phänomene und tragen deshalb wenig zur Konturierung des Gegenstandes bei. Aufschlussreich ist hingegen Tom Albys "Technikgeschichte des Webs", da sie als fundierte Differenzierung der technischen Konstituenten und ihrer Entwicklung den Blick für die systematische Unterscheidung der Begriffe 'Internet', 'Web' und 'Web 2.0' schärft. Ebenso kann Christoph Ernsts Beitrag das Potenzial zur geforderten Systematisierung der webspezifischen Formen attestiert werden: Weböffentlichkeiten "entwickeln sich in Relation zu Bezugsproblemen der Öffentlichkeiten anderer Medien und finden genau in diesem Möglichkeitsbezug ihren medialen Charakter" (S.85) lautet die Synthese, in der die Spezifik der emergenten kulturellen Formen ebenso zum Ausdruck kommt wie ihre relationale Positionierung gegenüber anderen Medien. Deklariert als Beschreibung "webimmanent wirksam[er]" (S.8) Bereiche, stellen die Beiträge des zweiten Teils vorrangig Grenzgänge zwischen wissenschaftlichen Interessensfeldern und Webpraxis dar. Berücksichtigt werden hierbei das Web- und Interaktionsdesign in seiner historischen Dimension durch Cyrus Khazaeli, die Kriterien der Qualitätsbewertung und der Usability-Forschung im Beitrag von David Kratz sowie die webbasierten Methoden der Sozial- und Marktforschung im Artikel von Simone Fühles-Ubach.

Hervorzuheben ist weiterhin die von Anja Bohnhof und Kolja Kracht untersuchte Verbindung von Fotografie und Web, in der sich der Medienwandel als komplementäres Phänomen von funktionalen, ästhetischen und ökonomischen Parametern mustergültig zeigt.

Die gegenseitige Durchdringung von Webmedien und gesellschaftlichen Funktionsbereichen wird in den Beiträgen von Mercedes Bunz und Petra Werner am Beispiel des Journalismus deutlich: Anhand der Verschiebung des Online-Journalismus von einem publizistischen Nebenschauplatz hin zum dominanten Aktualitätsmedium werden die Veränderungen für die gesamte journalistische Praxis deutlich nachgezeichnet.

Die Kategorisierung der Beiträge des dritten Teils als fachwissenschaftliche Perspektiven wirkt insofern etwas beliebig, als in Dirk Lewandowskis Porträt der Suchmaschinenforschung und in Joerg Hoewners Beitrag zur Wirtschaft Bereiche adressiert werden, die gleichfalls webimmanent wirksam werden. Nichts desto trotz sind die Beiträge in Kombination mit Bernd Holznagels und Thorsten Rickes Darstellung der medienrechtlichen Grundlagen des Web ein sinnvoller Abschluss des Bandes, da sie neben der detaillierten Aufschlüsselung der Einzelperspektiven nochmals die Weite des disziplinären Feldes vor Augen führen, mit der sich die Webforschung auseinanderzusetzen hat.

Insgesamt lässt sich ein überwiegend positives Fazit ziehen: Die Beiträge sprechen für sich und sind in einen konzeptionellen Rahmen eingebunden, der die Publikation über den Status einer willkürlichen Textsammlung erhebt. Freilich ist die konkrete Textauswahl im Einzelfall streitbar und im Hinblick auf die webimmanente Entwicklung ist festzustellen, dass der Fokus eindeutig auf bereits institutionalisierten Bereichen liegt, während nicht institutionalisierte Entwicklungslinien gerade im Bereich der Plattformmodelle unberücksichtigt bleiben.

Dennoch kann der Band methodische und forschungsstrategische Relevanz für sich beanspruchen: Als Ausgangspunkt weiterer Überlegungen und als Grundlagenpool an Perspektiven, die es insbesondere in der Medienwissenschaft zu berücksichtigen gilt, wenn die Interpretation des World Wide Web nicht anderen Disziplinen überlassen werden soll.

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