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Preisträgerausstellung Sachsen_Art, Neuer Sächsischer Kunstverein

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Kunst der Abwesenheiten, Sächsischer Kunstverein zeigt Preisträger-Fotos von T. Klaus, 03.05.07

Die Lücke, die Abwesenheit ist ein wichtiges Element jeder Kunstform. Ob auf der Bühne, in einem Song, der Literatur oder im Arrangement eines Bildes - das vordergründig nicht Existente, das vom Künstler dennoch mitgeliefert wird, das zwischen den Zeilen und Sujets sichtbar-unsichtbar Verpackte trägt oft genug den Schlüssel in sich, ein Werk zu erfassen.

Der Blick hinter die Oberfläche lohnt auch in der Preisträgerausstellung der Fotografie-Preisträger "Sachsen_Art 2006" im Neuen Sächsischen Kunstverein. Vier junge Künstler zeigen auf den ersten Blick fast Banales, hinter dem jedoch ein Abgrund aufschimmert. Von dort dämmert dem Betrachter, dass die Fotos als Einzelstücke kaum die Chance angemessener Wahrnehmung bekämen. In ihrer Quantität und mehr noch in ihrer thematischen Zuordnung findet sich Gesellschaftsgeschichte.

Das dürfte auch Hendrik Mayers Intention gewesen sein, der schon seit 1996 der nicht mehr unbekannten Projektgruppe "Reinigungsgesellschaft" ist. Mayer hat ein Archiv "geplündert", das der Hallenser Fotografen Oskar und Günter Molsberger. Mehr als 22.000 Negative umfasst deren Fundus, entstanden sind die Aufnahmen in den 1950er bis 70er Jahren in ihrem Fotostudio. Mayer stellt die Fotos in sechs Themenkreisen vor, unter anderem mit den Titeln Zusammen", "Bitte nicht lächeln", Weltanschauung" oder "Norm und Abweichung". Entwicklungen werden so dokumentiert, wie sie mancher aus eigener DDR-Erfahrung auch gemacht hat. Eine Art "Straße der Besten" wie in den "Weltanschauung"-Bildern zeigt die öffentliche Inszenierung von Menschen, die durch die Austauschbarkeit des Sujets auf das Bild des Einzelnen in der Gesellschaft abheben, das kaum gewünscht war. Eine Art Gegenpol bilden die Fotos unter "Norm und Abweichung" und beweisen, wenn man so will, das Gegenteil: Es gab ihn, den Individualismus. Portraits mit dunklen Sonnenbrillen, brennender Zigarette, Gitarre. Über allem liegt ein Firnis der Unverwechselbarkeit. Mayer kettet das Privat-Banale an das Gesellschaftliche, wertet es auf, zieht es aus dem Sumpf des frühen Vergessens.

Anders sieht das bei Katharina Günther und ihrem Zyklus "Zusammen_Leben oder Meine Küchengäste" aus. 48 Bilder, fast nur Portraits, aufgenommen im Lebensnerv jeder Wohnung, der Küche. Die Fotos wirken oft wie hingeknipst, ein privates Idaho. Zahlreiche Gäste der Künstlerin kommen aus dem Ausland, die Küche wird zum persönlichen Schmelztiegel. Vier großformatige Fotos von ihr, ebenfalls ausgestellt, beeindrucken dennoch fast mehr. Sie konterkarieren das Urbane, indem sie nichts Städtisches zeigen. 2Berlin" ist nur Himmel, "Dresden" ein Pflanzenstengel, "Hiddensee" Meer und "Holzau" verschneiter Tann.

"Abwesenheitsnotizen" von Karen Weinert und Anja Bohnhof feiert ebenfalls das Fehlen. Sie zeigen leere Zimmer, ohne Menschen, ohne Mobiliar. Es sind Wohn- und Arbeitszimmer berühmter Persönlichkeiten, zugänglich als Museum und ausgeräumt bis zur Kahlheit. Ob es die Räume von August Macke, Annette Droste-Hülshoff, Albert Einstein, oder Martin Luther sind: die nicht existierende Einrichtung lässt kaum Rückschlüsse auf die ehemaligen Nutzer zu. Fußböden und Tapeten erzählen kaum etwas. Die Leere beweißt, dass materiell nicht viel bleiben muss, wenn Ideelles die Zeiten überdauert. Ein Trost in Tagen, in denen Banalitäten fröhliche Urständ`feiern.

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