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Ausstellung: "Fremdesland"

Dresdner Kulturmagazin

Erinnerung als äußere Angelegenheit - Anja Bohnhof verwirrt in der bautzner69 das kollektive Gedächtnis

Dresden (von Kirsten Jaeschke). Vier Frauen, drei Ossis, eine Wessi, rätseln über einer Postkarte mit Abbildungen von Innenräumen. Wann und wo sind die Aufnahmen gemacht worden? "Siebziger Jahre Ex-DDR", ruft die eine: "Dieses Kissen! Ich fühl noch die bröseligen Fusseln in der Hand." "Nein, das ist nicht die DDR, dafür ist es zu hell auf den Bildern. Es hatte doch niemand weiße Wände." "Na doch, spätestens seit Ende der Siebziger wollte niemand mehr Blümchen-Tapeten. Die Wände wurden gestrichen." "Ja, falls es Raufaser gab, gab es aber meistens nicht." "Plaste-Zeug hat sich doch niemand der was auf sich hielt ins Haus geholt. Nach der Wende hab' ich mich gewundert, wie sehr Plastik im Westen in Mode war." "Die Aufnahmen sehen aus wie für ein Retro-Einrichtungshaus. Die Bilder sind gestellt und es ist alles sehr ästhetisch fotografiert." "Also ich fühl' mich bei dem Küchenbild hier wie an einem hellen Morgen früher bei meiner Mutter in der Küche", meint die im Westen Aufgewachsene.

Es geht um Fotografien, die Anja Bohnhof unter dem Titel "Fremdesland" derzeit in der Bautzner Straße 69 ausstellt. Für die Fotoreihe "DDR - museale Ansichten" fotografierte sie Zusammenstellungen aus Gebrauchsgegenständen ostdeutscher Alltagskultur der Vorwendezeit in DDR-Museen. Die Bilder zeigen die Arrangements so, wie die Fotografin sie vorfand. Durch die Wahl des Bildausschnitts werden sie aber aus dem Gesamtkontext isoliert und in Szene gesetzt. "Innere Angelegenheit", eine weitere Sequenz, besteht aus Aufnahmen der Hafträume ehemaliger Stasi-Untersuchungs-haftanstalten, die nun als Gedenkstätten öffentlich zugänglich sind. Die häufig symmetrisch angelegten Bilder der kargen, von der Außenwelt abgeschlossenen Zellen strahlen klösterliche Ruhe aus und wirken gleichzeitig beängstigend theatralisch, obwohl die Fotografin auf Scheinwerfer verzichtete und nur sehr lange belichtete, um die Räume gleichmäßig ausgeleuchtet erscheinen zu lassen. Meditative Ästhetik und Schrecken liegen hier nahe beieinander.

Anja Bohnhof ist es wichtig in ihren Arbeiten inhaltlich Offenheit zu bewahren. Wenn es wie hier im weitesten Sinn um das Wesen ostdeutscher Lebensbedingungen geht, dürfte es ihr leicht fallen, die nötige Distanz dafür aufzubringen: Im westfälischen Hagen geboren, lernte sie den Osten Deutschlands erst nach der Wende kennen, als sie in Weimar studierte. Hier begegnete sie auch ihrer Kollegin Karen Weinert, die die Publikationen zur Ausstellung gestaltet und konzipiert hat. Ähnlich wie ihr gemeinsames Projekt "Abwesenheitsnotizen", das vor gut einem Jahr in der Bautzner Strasse zu sehen war, befasst sich auch diese Ausstellung mit der Unmöglichkeit, kulturgeschichtliche Erinnerung in musealer Form allgemeingültig darzustellen. Mythen, Sehnsüchte, Schreckensbilder, gute und schlechte Erinnerungen - die menschenleeren Bildräume Anja Bohnhofs bieten Platz dafür, gestatten es aber nicht, sich solchen Vorstellungen einseitig hinzugeben. Damit schärfen die Bilder das Bewusstsein für die Subjektivität des eigenen Standpunkts. Das so genannte kollektive Gedächtnis ist eine zu persönliche Angelegenheit, um es mit allgemeingültigen Zuschreibungen verlässlich einzugrenzen.

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