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Wie Bühnen ohne Requisite

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Zwei Fotografinnen räumen Gedenkorte aus und zeigen das Ergebnis im Hegenbarth-Archiv von Michael Ernst, Aug.2010

Es gehört schon eine Menge an Mut und Selbstvertrauen dazu, in ein Museum zu gehen, um es räumen zu lassen. Die Fotografinnen Anja Bohnhof und Karen Weinert haben genau das getan. In Museen von unterschiedlicher Bekanntheit, aber ausnahmslos einstigen Wohn- beziehungsweise Wirkstätten von Künstlern und Wissenschaftlern, vorrangig Literaten, Malern oder Musikern, haben sie das Inventar entfernen lassen. Zumindest aus jeweils einem Hauptraum - und dann die so entstandene Leestelle fotografiert. Das Resultat ist eine auf inzwischen knapp zwanzig Arbeiten angewachsene Serie von "Abwesenheitsnotizen".

Dies ist auch der Titel ihrer gemeinsamen Ausstellung, die noch bis zum 23. September vom Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden im Josef-Hegenbarth-Archiv präsentiert wird. Die beiden Künstlerinnen - Absolventinnen der Bauhaus-Universität in Weimar, wo sie gemeinsam den Studiengang "Visuelle Kommunikation / Fotografie" belegt hatten -zielen mit ihrer Idee sozusagen auf das Gegenteil üblicher Museumspraxis. Wo sonst mehr oder weniger authentische Einrichtungsgegenstände wie Möbel, Kunst und Arbeitsutensilien suggerieren (sollen?), der einstige Nutznießer dieses Raumes habe sich nur mal kurz fortbegeben und könne jeden Moment wieder erscheinen, wird in den Fotografien von Bohnhof und Weinert gerade die unbedingte Abwesenheit dokumentiert. Der nackte Raum, allerdings mit Zeugnissen heutiger Zeit versehen (Rauchmelder, Heizkörper, Lichtschalter, etc.), er weckt die Frage, wie abwesend der Mensch, um den es in der jeweiligen Gedenkstätte geht, denn tatsächlich ist. Und plötzlich steht so etwas wie der Begriff von Authentizität in einem völlig neuen Kontext.

Beim Betrachten der nun ausgestellten Farbfotografien mag man die abgebildete Räumlichkeit erkennen - Luthers Arbeitszimmer auf der Wartburg etwa zählt längst zum ikonografischen Gedächtnis - oder auch nicht - beim Leipziger Mendelssohn-Haus muss dazu schon zweimal hingeschaut werden -, sie alle entfalten als Leer-Raum den Eindruck von Bühnen ohne Requisiten und Darstellern. Diese Assoziation von Bernhard Maaz, dem neuen Direktor von Kupferstich-Kabinett und Gemäldegalerie Alte Meister, erschließt sich selbst im Portrait von Hegenbarths Atelier und mehr noch in Abbildern des Berliner Wohnraums von Helene Weigel, des Arbeitszimmers von Bertolt Brecht sowie des Sommerhauses von Albert Einstein in Caputh.

Die jungen Fotografinnen nahmen bereits 2004 die Arbeit an den "Abwesenheitsnotizen" auf, zogen hierfür quer durchs Land, waren in Münster bei Annette Droste-Hülshoff, in Eisenach bei Fritz Reuter, in Schleswig Holstein bei Klaus Groth und in Jena bei Friedrich Schiller im Gartenhaus. Ihre Reise soll weitergehen, mindestens im deutschsprachigen Raum wollen Bohnhof und Weinert noch weitere Abwesenheiten entdecken, belichten und sichten. Gab es anfangs noch erhebliche Bedenken der Museen, für ein Foto einen ganzen Raum zu räumen, so hat die wachsende Reputation nun längst für Akzeptanz gesorgt. Die Türen öffnen sich leichter und die Serie wird wachsen. In und um Dresden entstanden so Einblicke bei Carl Maria von Weber in Hosterwitz, bei Robert Schumann in Zwickau sowie im frisch renovierten Robert-Sterl-Haus in Naundorf bei Wehlen.

Nach der Schau im Hegenbarth-Archiv werden die "Abwesenheitsnotizen" von Anja Bohnhof und Karen Weinert in Weimar sowie später auch beim Internationalen Festival für zeitgenössische Fotografie im russischen Novosibirsk zu sehen sein.

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