Presse:
Einführungsrede "Räume - acht künstlerische Positionen", badisches kunstforum

von Astrid Guderian, 04.11.2011

Das Ausstellungsthema "Räume" ist sehr schwierig und komplex. Grundsätzliche Fragen zum Thema Raum im Gegensatz zu Zeit, die die Menschheit seit Jahrtausenden bewegt haben, müssen ausgeklammert werden, wie zum Beispiel die Frage nach dem Raum an sich, nach dem leeren Raum, dem endlichen oder unendlichen, nach dem Raum in den Dingen und um sie herum, nach der Wahrnehmung von Raum und nach der Räumlichkeit als Seinsgrundlage menschlicher Existenz.

Ebenso ausgeklammert bleiben die Ergebnisse der Einsteinschen Relativitätstheorie, die beweist, dass sich bei Annäherung an die Lichtgeschwindigkeit die Grenzen von Raum und Zeit in einer "Raum-Zeit" aufheben. Unsere konsequente Reaktion darauf würde unser Leben von Grund auf revolutionieren, uns in Orientierungslosigkeit stürzen. Wir hier und auch die ausstellenden Künstler halten uns selbstverständlich, ohne zu hinterfragen an den uns vertrauten euklidisch-geometrischen Raum und seine Gesetzmäßigkeiten.

Platon hat diesen Raum philosophisch definiert als "Seiende Leere, in der Körper schwimmen; eine Leere, die trennt und aufspannt, die vielen Körpern als fixierte Teile des Raumes Platz bietet". Euklid hat den Raum naturwissenschaftlich-geometrisch vermessen. Der Raum, in dem wir uns hier alle befinden, als Örtlichkeit hinein gebaut in einen größeren Raum, in ein Haus - beide sind Urformen menschlichen Lebens. Dieser Raum wie auch das Haus enthalten alle von Euklid definierten Eigenschaften: Er ist abgegrenzt, erlaubt daher Orientierung. Er ist dreidimensional, daher vermessbar in Breite ,Tiefe und Höhe und ein Gebilde, in dem jeder Gegenstand einen festen Platz einnimmt und sich daher nicht zugleich an einer anderen Stelle im Raum befinden kann. Der euklidisch-geometrische Raum ermöglicht uns allen eine objektiv gegebene Orientierung. Er ist Grundlage der topographischen Raumvermessung, ein wesentliches Fundament unserer menschlichen Kultur (Die Maßeinheiten können dabei in den verschiedenen Kulturkreisen variieren wie auch die räumlichen Vorstellungen und deren Wiedergabe in den Künsten.) Ein Charakteristikum des Raums ist das Statische und das der Zeit das Bewegte.

In allen drei hier vertretenen künstlerischen Disziplinen, der Fotografie, der Malerei und der Skulptur wird bis auf eine Ausnahme Raum als solcher ohne die Anwesenheit des Menschen dargestellt.

In den Fotografien von Anja Bohnhof und den nach Fotos entstandenen Arbeiten von Andrea Imwiehe werden Räumlichkeiten gezeigt, die den obigen Raumbegriff exemplarisch illustrieren können. Ich bitte um Nachsicht, wenn die Besprechung ihrer Arbeiten aus didaktischen Gründen einen breiteren Raum einnehmen als die der anderen Künstlerinnen und Künstler.

Anja Bohnhof In Bohnhofs Fotoserie "Innere Angelegenheiten" und "Museale Ansichten" sind Gefängniszellen und Wohnzimmer aus der ehemaligen DDR zentralperspektivisch, abbildungsgenau und zugleich ästhetisch präsentiert. Alle Dinge, die die Zelle begrenzen, die Tür, das Fenster (Öffnung zum Außenraum), die Rückwand, der Stuhl, der Tisch haben ihren festen Platz innerhalb der funktionalen Raumordnung. Enge und Kargheit der Zelle sollen den Gefangenen als Strafmittel geistig und körperlich disziplinieren. (Heute befassen sich spezielle Forschungsgebiete mit der physischen und psychischen Wirkung von Räumen auf Menschen.) Die Fotoserie gibt keine realen Räume wieder sondern museale Installationen von Räumen mit darin arrangierten Gegenständen. Das gehört zum Konzept der Künstlerin.

"Die Musealität ist ein Mittel zum gesellschaftlich definierten Gedenken" Die Fotografie einer realen Darstellung einer Zelle vor Ort ist nicht notwendig, denn alle Zellen sind austauschbar mit der Absicht, ihre Uniformität als Mittel physischer und psychischer Folter einzusetzen, um die Orientierungslosigkeit und Isolation der Gefangenen zu verstärken. Auch in der Serie "Museale Ansichten" hinterfragt sie die Entpersönlichung des Wohnens durch Raummöblierung. Massenhaft nach staatlich vorgegebenem Geschmacksdiktat produzierte Dinge wie Vorhänge, Radios und Bilder führen aufgrund fehlender Auswahlmöglichkeit zu unpersönlichen Wohnsituationen, sind Spiegelbild gesellschaftlicher Zustände. Leider können wir dies auch bei aktuellen Warenhaus-Wohnvorgaben feststellen, die - heute allerdings freiwillig - zu ähnlichen Resultaten führen. (...)

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