Presse:
Vom Zauber der Leere

Südkurier

Im Otto-Dix-Haus hinterfragt eine Fotoinstallation Aura und Bedeutung des berühmten Künstlerateliers, 22.09.2011 von Andreas Gabelmann

Das Atelier des Künstlers - Arbeitsraum und Refugium, Ort der Inspiration und Schaffenszentrum, aber auch mythischer Kosmos, Schauplatz vieler Geschichten sowie gesellschaftlicher Treffpunkt. Und nach dem Tod des Künstlers: häufig als museale Gedenkstätte genutzt. Aura und Bedeutung solcher Orte thematisieren die beiden Fotografinnen Anja Bohnhof und Karen Weinert in ihrem Langzeitprojekt "Abwesenheitsnotizen", das Arbeits- und Wohnkulissen bekannter Persönlichkeiten präsentiert, die heute für jedermann zugänglich sind. Nach fotografischen Annäherungen an die Räumlichkeiten von Malern, Dichtern und Denkern wie August Macke, Martin Luther, Albert Einstein, Berthold Brecht oder Wilhelm Busch haben Bohnhof und Weinert nun das Atelier von Otto Dix in Hemmenhofen ins Visier genommen und eine großformatige Fotoarbeit geschaffen, die den Ort im komplett ausgeräumten Zustand zeigt.

Seit 2004 verfolgen die 1974 und 1976 geborenen, heute in Köln und Weimar tätigen Fotografinnen mit ihrer Bildserie das Konzept, Ansichten bedeutender Räume zu schaffen, frei von jeglichen Gegenständen und Mobiliar. Präsentieren sich diese Räume dem Besucher normalerweise mit ihrer ursprünglichen Einrichtung, oder zumindest deren Rekonstruktion, so entkleiden die Fotokünstlerinnen die Örtlichkeit rigoros ihrer biografischen oder epochenbezogenen Elemente und geben den Blick frei auf die reine Leere des Raumes. Was bleibt, wenn nichts mehr bleibt?, lautet die zentrale Frage. Wenn nichts Persönliches, kein Schreibtisch, keine Staffelei, oder gar frische Schnittblumen suggerieren, der einstige Bewohner sei gerade im Zimmer gewesen.

Ausräumen, fotografieren und wieder einräumen - so das Prinzip der Intervention von Bohnhof und Weinert in den vorgefundenen Ort. Das mag zunächst banal und sinnlos erscheinen. Und doch gewinnt das fotografische Resultat unweigerlich eine ganz eigene Faszination. Denn obgleich wir das Atelier von Dix plötzlich als kahlen, seltsam nüchternen und beinahe klinischen Raum vorgeführt bekommen, in dem buchstäblich nichts zu sehen ist, wird unsere Wahrnehmung für Anderes, bislang Nebensächliches sensibilisiert. Heizkörper, Steckdosen, Hinweisschilder, Lampen oder Abriebe der Möbel auf dem Fußboden bannen unerwartet das Auge des Betrachters. Spuren des Vergangenen und Gegenwärtigen, des Historischen und Modernen verwischen sich.

Die konzeptuelle Fotokunst von Bohnhof und Weinert folgt dem Prinzip der Auslassung des Bekannten und Vertrauten. Mit dem Freiräumen der ehemaligen Lebensräume bewegen sie sich an der spannungsreichen Schnittstelle zwischen Dokumentation und Inszenierung. Durch die radikale Reduktion wird versucht, das Wesenhafte der Orte auf besondere Weise offenzulegen. Doch mag die Idee von der Abwesenheit aller Dinge auch ästhetisch reizvoll sein, so bleibt vom vormals intakten Raum vor allem eine leere, neutrale Hülle, die nur wenig spüren lässt vom einstigen Nutzer. Indes sprechen Ruhe und Stille aus dem Dix-Atelierfoto, das gegenwärtig im Arbeitsraum des Künstlers zu sehen ist.

Entzaubert die zeitgenössische Fotografie nun das Allerheiligste schöpferischen Tuns? Nimmt sie dem Ort seine Aura? Sichtbar wird in jedem Fall die eigentümliche Unbestimmtheit des Raumes, zugleich aber stellen die Bilder die Frage nach Verlust und Beständigkeit historischer Kontexte an die heutige Nachwelt. In ihrer Fotografie treiben Bohnhof und Weinert ein hintersinniges Spiel mit unseren Erfahrungs- und Wahrnehmungsmustern berühmter Orte. Nicht zuletzt liefert die Farbaufnahme des leeren Ateliers von Otto Dix einen Ausblick auf die bevorstehende Schließung des Museums, das ab Mitte Oktober bis voraussichtlich 2013 einer Generalsanierung unterzogen wird.

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