Presse:
Was Arbeitszimmer berühmter Künstler dem Betrachter sagen

Schwäbische Zeitung

Langenargener Stipendiatinnen stellen vor leer geräumten Gedenkstätten im Kavalierhaus ihre "Abwesenheitsnotizen" vor, 22.06.2011 von Helmut Voith

Anja Bohnhof und Karen Weinert, die Stipendiatinnen der Gemeinde Langenargen, zeigen in den Räumen der Produzentengalerie im Kavalierhaus die Ergebnisse ihrer Arbeit hier vor Ort, eingebettet in ihr Gesamtprojekt. Wie bei der Vorstellung der Fotografinnen zu Beginn ihres vierteljährigen Stipendiums schon berichtet, bitten sie für ihr Langzeitprojekt "Abwesenheitsnotizen" um die Genehmigung, Gedenkräume für Künstler, Musiker, Schriftsteller ausräumen zu dürfen, und fotografieren dann den leeren Raum.

So hängen denn jetzt an den Wänden in einer fortlaufenden Bildleiste großformatige analoge Aufnahmen in bestechender handwerklicher Qualität. Anders gesagt: Im fast leeren Raum der Galerie hängen fast leere Räume. Warum "fast"? Leuchtmittel, Heizkörper, Feuermelder, Steckdosen sind geblieben und zielen ins Ambivalente. Denn sie waren kaum da, als die Gedenkräume noch als Ateliers, als Arbeitszimmer genutzt wurden, und sind Zeichen dafür, dass die musealen Räume, die scheinbar authentisch sind, eben so authentisch nicht sind, wie der Besucher üblicherweise meint.

Die meisten Fotografien zeigen Zimmer aus dem 19. Jahrhundert. Ohne künstliches Licht und mit entsprechend langer Belichtung wurden die Räume aufgenommen. Die Welt vor den Fenstern erhält einen unwirklichen, überstrahlten Eindruck. Sehr exakt ist die Ausrichtung der Wände ohne stürzende Linien. Eine Gemeinsamkeit: die Holzböden. Man glaubt sie förmlich knarren zu hören, vielleicht auch, weil der Boden im Kavalierhaus bei jedem Schritt knarrt. Der Betrachter befindet sich in einem Raum, der nicht zum Gedenkraum geworden ist, aber auch von seiner Geschichte erzählt.

Natürlich werfen die Bilder Fragen auf: Was sollen die leeren Räume? Oder weitergehend: Warum besuchen wir Räume, in denen Menschen wie Schiller, Mörike, Einstein gearbeitet haben? Was erwarten wir uns? Können wir Bert Brecht besser verstehen, wenn wir sein Arbeitszimmer in Berlin kennen, eines von so vielen in seinem langen Leben? Inszeniert die Gesellschaft Erinnerung, die in ganz bestimmte Bahnen gelenkt werden soll?

Die leeren Räume erzählen mehr. Nicht nur, dass helle Stellen auf den Dielen von Möbeln künden, die hier normalerweise stehen, dass Flecken an den Wänden die fehlenden Bilder verraten. Es ist auch eine große Ähnlichkeit in den Räumen. Wie steht es im Gegensatz dazu heute?

Aus unserer Region sind die leeren Arbeitszimmer von Hermann Hesse im Höri-Museum Gaienhofen und das Atelier von Otto-Dix im Otto-Dix-Haus in Hemmenhofen zu sehen - und natürlich das Atelier im Kavalierhaus. Spannende Effekte entstehen durch die Spiegelung auf den Gläsern: Sie macht, dass zuweilen doch wieder Menschen durch die leeren Räume wandern.

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