Presse:
Einführungsrede "Abwesenheitsnotizen", Galerie im Kavaliershaus Langenargen

von Dietmar Herzog, 19.06.2011

Sehr verehrte Gäste, liebe Anja Bohnhof, liebe Karen Weinert

Die beiden Künstlerinnen Anja Bohnhof und Karen Weinert studierten nach einer fotografischen Ausbildung an der Bauhaus-Universität Weimar und sind seit mehreren Jahren über ein Gemeinschaftsprojekt weiterhin künstlerisch verbunden. Es ist ein Kunstprojekt, das sich für uns als Betrachter zunächst nur in Form von Fotografien erschließt.

Mit diesem Kunstprojekt, es trägt den Titel: Abwesenheitsnotizen, haben sich die beiden Künstlerinnen für ein 3-monatiges Stipendium im Kavalierhaus in Langenargen beworben.

Wie kommt man dazu? Was ist die Motivation sich für ein solches Stipendium in dem eher beschaulichen Langenargen zu bewerben?

Zum Einen, das wissen Sie alle, ist es eine Auszeichnung, eine Anerkennung für die eigene künstlerische Arbeit. Zum Anderen, ermöglicht solch ein Stipendium ein künstlerisches Schaffen, das schon während der Realisierung des Kunstprojektes eine finanzielle Sicherheit bietet. Doch noch wichtiger ist ganz allgemein, dass die verschiedenen Stipendien mit Orten, mit Stationen verbunden sind, von denen aus Anja Bohnhof und Karen Weinert mit ihren Recherchen, die letztlich zu diesen Fotografien führen, beginnen können.

So ist auch Langenargen von April bis Juni 2011 für die beiden Künstlerinnen ein Ort geworden, von dem aus Teile Süddeutschlands zeitnah bereist werden konnten. Wir kennen sie alle, die Arbeitsräume, die Lebensräume, bekannter Maler, Bildhauer, Literaten oder Philosophen, die für uns ein lebendiges Zeugnis ihrer ehemaligen Existenz sein sollen. Wir legen oft viele Kilometer zurück.

.um ein klein wenig von der Arbeitsatmosphäre eines Herrmann Hesses, eines Martin Luthers, einer Annette von Droste-Hülshoff, eines August Mackes oder Albert Einsteins, um nur ganz wenige zu nennen, einzusaugen, um so vielleicht einen neuen, einen anderen Zugang zu den verstorbenen "Kulturhelden" und ihrer Arbeit zu finden, - oder vielleicht auch, um evtl. existierende Berührungsängste zu abzubauen, - oder, einfach nur um unsere Neugierde und unseren Wissensdurst zu stillen..?

Und tatsächlich erzählen uns solche Räume, verbunden mit ihrer geographischen Lage, ganz eigene Geschichten.

Geschichten, die wir in den Arbeiten der Verstorbenen, seien es Bilder oder Schriften, nicht finden bzw. nicht einmal erahnen können. Und wenn wir doch mal ganz ehrlich sind: Wir suchen in diesen mittlerweile "historischen" Räumen nicht die Arbeit der Verstorbenen, sondern höchstens die Arbeitsspuren,.. aber sicher immer den Menschen, der sich oft hinter dem "Künstler-Menschen" versteckt. Es ist auch immer ein Schuss Wehmut dabei. Wehmut, dass man nicht Zeitzeuge des Künstlers oder Philosophen war und von dem besonderen "Duft", von der so oft gescholtenen "Künstleraura", nichts abbekommen, nicht profitiert hat.

Und jetzt stehen wir hier vor den großformatigen Fotografien der beiden Künstlerinnen, die Lebens- und Arbeitsräume von bekannten Kulturträgern zeigen und uns zunächst irritieren, um dann irgendwie zu enttäuschen, weil sie nicht diese erwartete Nähe zu ihren früheren Bewohnern aufkommen lassen.

Warum nur? Woran liegt das? Es sind fast vollständig leere Räume.

Da findet man keinen Sterbesessel von Goethe, keinen Schreibtisch von Herrmann Hesse und auch keine Staffelei von August Macke, die augenblicklich an den ehemaligen Besitzer erinnern würden. Die Fotos sind Inszenierungen in musealen Gedächtnisräumen, die ihrer dokumentarischen Bedeutung enthoben wurden. Der Betrachter wird regelrecht "ent-täuscht", im Sinne des Wortes!

Das heißt, seine Erwartungen einen authentischen Gedächtnisraum vorzufinden, werden nicht erfüllt! Die beiden Künstlerinnen haben das Mobiliar entfernt und sonstige spezifische Utensilien, fotografieren den "entleerten" Raum, um ihn dann exakt wieder so einzuräumen, wie er vorher war. Nichts deutet später auf diese Aktion mehr hin. Und so zeigen die Fotografien der Arbeit "Abwesenheitsnotizen", wie wir sie hier sehen "andere" Gedächtnisstätten.

Wir sind irritiert und fragen uns, welche Ansicht der Räume eigentlich die "Wirkliche" darstellt? Welcher Wahrnehmung dürfen wir eigentlich trauen?

Uns wird ungeschminkt vorgeführt, dass auch ein extremer Eingriff in einen Raum nicht mehr wahrgenommen wird, wenn der Raum in seine Ursprünglichkeit zurückgebaut wird. Und uns wird in der Folge bewusst: Ein Versprechen der "Unveränderlichkeit" ist nicht ernst zu nehmen.

und nochmals:

Ein Versprechen der "Unveränderlichkeit" ist nicht ernst zu nehmen.

Ein solches Versprechen ist meist der Epoche oder den Interessen und Vorlieben der späteren Generationen verpflichtet. Denn wir müssen bedenken, dass schon die Gedächtnisräume wie wir sie heute glauben zu kennen, von Seiten der Städte oder Stiftungen schon inszenierte Räume darstellen: Denn diese Räume sind in Wirklichkeit schon lange keine Arbeitsräume mehr! Und zu dieser Inszenierung gehören heute eben technische Anlagen und Sicherheitssysteme wie Rauchmelder, Lichtsysteme moderne Heizkörper usw. Diese Neuerungen belassen die beiden Künstlerinnen Anja Bohnhof und Karen Weinert in den Räumen. Sie öffnen damit ein Zeitfenster, das uns daran erinnert,

- dass in den Räumen nach dem Verlassen der ehemaligen prominenten Bewohner, vielleicht uns gänzlich fremde Nachmieter dort gewohnt haben,

- dass die Räume öfters renoviert oder auch rückgebaut wurden

- und eventuell auch unterschiedlichen Nutzungen diente.

Und wir werden daran erinnert, dass auch ein Raum der sich uns zwingend als unveränderlich präsentiert, einer steten Veränderung unterliegt! Und grundsätzlich verlangt auch jedes fotografische Dokument eine kritische Herangehensweise. In der jüngsten Kunstgeschichte gibt es eine große Anzahl von Künstlern, die sich mit diesem Phänomen der Glaubwürdigkeit und Unveränderbarkeit, speziell in der Fotografie und in der Bilderflut im Internet, beschäftigen. Und da ist für mich noch ein ganz besonderer Aspekt, der in mir Traurigkeit oder vielleicht auch Wehmut, wie zuvor schon angesprochen, entstehen lässt: Die noch real existierenden Lebens- und Arbeitsräume sollen ein Zeugnis, ein Versuch der Beweisführung der frühen Existenz verstorbener "Kulturhelden" sein,.. und allzu oft auch Futter wildester Anekdoten:

Diese Räume sind nun nahezu kahl und leer - Menschenleer.

Und in mir kommt ein Gefühl auf, die jeweilige Persönlichkeit ist "zweimal" gestorben:

Einmal in physischer Hinsicht, davon gibt das Sterbedatum Auskunft,

und ein zweites Mal, gestorben für den Betrachter der Fotografien, der die nun eher anonymen Räume kaum dem vorherigen Bewohner zuordnen kann.

Die Räume sind damit austauschbar geworden.

Sie taugen nicht mehr für einen nachträglichen Heldenpathos.


Austauschbare Räume - und was bleibt sind eigentlich nur die uns hinterlassenen Werke der verstorbenen Künstler.

Die Werke werden damit angehoben, bekommen den Platz, den die Künstler ihm gerne schon zu Lebzeiten gewünscht und zugewiesen haben, oder hätten. Und das Werk ist das letztlich eigentlich Individuelle am Künstler.

Und in dieser gedanklichen Balance können, nein, müssen wir auch die Fotografien von Anja Bohnhof und Karen Weinert sehen. Herzlichen Dank.

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