Presse:
Blick hinter die Sperrmüllhalde der Wendezeit

Brunsbütteler Zeitung

DDR-Vergangenheit in Fotodokumenten aufgearbeitet: Ausstellung in der Stadtgalerie zeigt beeindruckende Aufnahmen, 14.09.2010 von Jochen Scheer

Erneut setzt sich die Stadtgalerie im Elbeforum mit der DDR-Vergangenheit auseinander, erneut greift sie dabei das Medium Fotografie auf. Nicht Texte, sondern Bilder sprechen für sich.

Was hat die DDR ausgemacht und was hat sie hinterlassen? Anja Bohnhof geht es in ihren jüngsten Arbeiten ganz konkret an: Berge von Akten, Filmen, Schnipseln bunkern unterirdisch, korrekt gekühlt und gesichert. Beharrlich fragte sie nach, bis die Genehmigungen erteilt waren, diese abgeschottete Welt zu betreten.

Der Kontrast ist deutlich: Anja Bohnhofs "Sichtweise" der DDR ist ihre eigene Auseinandersetzung mit dem Alltag einer Diktatur. Die begleitende Plakatausstellung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Zusammenarbeit mit dem Magazin "Stern" hingegen besetzt Themen und Bilder, um eine umfassende Antwort zu "Herrschaft und Alltag in der DDR" abzuliefern. Sie gleicht einem bebilderten Lexikon.

Galerieleiterin Silke Moseberg-Eikermann wählt mit Bedacht den Untertitel der Ausstellung Fremdesland: Konzeptuelle Fotografie. Jede Annäherung an das Sujet DDR von Anja Bohnhof geht ein Konzept und eine Recherche voraus. Ihr Handwerkzeug, solide Fotografenausbildung und Studium der Visuellen Kommunikation/Fotografie an der Bauhaus-Universität in Weimar sind nur Grundlage, um neue Felder der Aufarbeitung zu betreten. Betreten, aber zunächst auf-"suchen" ist wörtlich zu nehmen, wenn geschliffene Dörfer von ihr wieder ein Gesicht bekommen. Sie teilen das Schicksal wie Billmuthausen, 1978 der sogenannten Grenzsicherung im Wege zu sein, Auslöschung und Umsiedlung als einfacher Verwaltungsakt hinterließen kaum mehr als überwuchernde Spuren: eine Treppe, ein Zaun, ein Strommast ohne Funktion. Nur hier greift die Künstlerin zum "Bildtext" - voller Ironie die Zitate aus dem Magazin für Haus und Wohnung", ein Heimwerkermagazin, dessen Anleitungen in "Fremdesland" absurd aufstoßen. "Es kann nicht jedem einzelnen überlassen bleiben, wie er sein Haus gestaltet."

Ohne Kommentar die Abbildungen von Hafträumen der Staatssicherheit, soweit nicht völlig freigeräumt, spärliche aber höchst akkurat ausgerichtete Zeugnisse des Eingriffs in persönliche Freiheitsrechte - Einmischung eines souveränen Staates unerwünscht.

Wohnkultur als Museumsgegenstand, nicht reale Abbildung von Wohnalltag. Fast anrührend der Versuch, museal zu retten und wie in einem Diorama zu zeigen, was umgehend Sperrmüllhalde der Wendezeit wurde. Auf immer neue Weise dokumentiert Anja Bohnhof DDr-Relikte und lädt ein, zu ergründen, was die DDR "hinterlassen" hat, statt den bequemen Weg zu gehen, sie als Staat zu verdrängen oder allenfalls nostalgisch zu betrachten: "Meine Mitstudenten in Weimar waren irritiert. Wer hier aufgewachsen war, strebte zu neuen Erfahrungen." Als Wessi ließ sie der Versuch der Auseinandersetzung nicht mehr ruhen. Neugierig beackerte sie das Feld, obwohl ihr oft der Einwand begegnete, es sei nun Zeit, Gras über alles wachsen zu lassen - Gras wie in Fremdesland. Die Ausstellung läuft bis zum 30.Oktober.

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