Presse:
Mainzer Kunstpreis Eisenturm "Vision Europa"

Rhein-Main Zeitung

Europa bleibt als Thema aktuell, 02.12.2006, sb

Wenn man vor wenigen Jahren das Plakat einer Ausstellung zum Thema "Vision Europa" gelesen hätte, wäre das nicht weiter verwunderlich gewesen. Wie fremd, fast antiquiert diese Themen-stellung im heutigen Tagesgeschehen anmutet, offenbart sich erst, wenn es dann doch auf die Tagesordnung gesetzt wird. So wie das in der gleichnamigen Ausschreibung des diesjährigen Mainzer Kunstpreises Eisenturm. Genau das ist zugleich Absicht und Verdienst der Ausrichter: Ein Thema anzusprechen, das vielleicht aus der Mode der Medienwirksamkeit gekommen, im Grunde jedoch ungebrochen aktuell ist.

185 Bewerbungen waren beim Kunstverein eingegangen. Von ihnen wurden 31 Künstler, darunter die drei Preisträger, ausgewählt, die nun ihre Werke in der mit der Verleihung gekoppelten Aus-stellung im MBV-Forum am Neubrunnenplatz präsentieren. So zahlreich die Künstler, so mannig-faltig die Interpretationen: Klassisch-humanistisches Erbe von griechischen Säulenordnungen zu Botticelli-Grazien hat ebenso seinen Platz wie typografisch-babylonische Sprachverwirrung quer durch die Alphabete und ein Wohnblockklingelschild mit Migrationshintergrund. Unausweichlich natürlich, wie Kurator Dr. Otto Martin nicht ohne Ironie bemerkte, die "kleine Stier-Versammlung": Gleich mehrere Künstler nehmen sich den griechischen Ursprungsmythos des Kontinents zur Vorgabe, wobei besonders die Fotografien von Ursula Böhmer und Barbara Friebe überzeugen.

Eine der möglichen politischen Interpretationen des Themas bot die erste Preisträgerin Sibylle Möndel: In ihrem Gemälde "Immigranten I" verarbeitet sie stilistisch ebenso schlicht wie aussage-kräftig die "Vision Europa" als Ziel afrikanischer Flüchtlinge. Wie zur Antwort steht ihr in den Fotografien von Anja Bohnhof (2.Preis) die europäische Perspektive gegenüber: Europa ganz profan verdinglicht als Namenspatron(in) für neu angelegte Straßen und Plätze - und ist damit seiner visionären Dimension schon fast jener Vergessenheit anheim gefallen, aus der die Aus-stellung aufrütteln will.

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