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Ausstellung: Fotosommer Stuttgart 2005

Stuttgarter Zeitung

Esel, Möwe, Wahrheit? Der Stuttgarter Fotosommer im ehemaligen Möbel Mammut von Andreas Langen, 05.07.2005

Wenn Mythen und Wirklichkeit kollidieren, geht der Mythos meist zu Bruch. So war es auch, als die Düsseldorfer Fotografen Katja Stuke und Oliver Sieber die Drehorte berühmter Hollywood-Filme besuchten. In einem Video-Interview darüber sagt Katja Stuke: "Viele Orte werden ja durch die Geschichten, die man mit ihnen verbindet, interessanter als sie in Wirklichkeit sind." Es kann aber auch das Gegenteil stimmen. Wo Stukes Interview zur Zeit über einen Monitor flimmert, da ist ein vermeintlich langweiliger Ort zu einem besonderen Platz geworden, der vor lauter unerwarteter Geschichten geradezu überquillt. Die Rede ist vom havarierten Möbelhaus Mammut, in dem die Hauptausstellung des Stuttgarter Fotosommer 2005 zu sehen ist. Die tiefere Verbindung untergegangener Einrichtungsläden mit höherer Lichtbildkunst ist ein noch unerforschtes, aber zumindest in Stuttgart ertragreiches Terrain. Den Ex-Ikea-Katakomben als Spielstätte verschiedener Ausstellungen, darunter der Fotosommer 2003, folgen nun die labyrinthischen Kojen des verwaisten Möbelhauses an der Hauptstätter Straße. Ein Glücksgriff. Denn die weiß getünchten Wände bieten genügend visuelle Ruhe zur Betrachtung, während schon ein einziger Schritt zurück oder ein Blick durch den Raum genügt, um die Kunst ganz nah an den Rest des Lebens heranzuholen. Was wäre passender für eine Bildform, die ihr Material so unmittelbar aus der Wirklichkeit bezieht wie die Fotografie?

Manchmal sind die Überkreuzungen von Restposten-Mobiliar und Bildern vor allem komisch, etwa wenn ein alter Leuchtkasten mit der Aufschrift "Schrankstudio" genau dort hängt, wo Lindemanns Fotobuchhandlung einen temporären Laden aufgemacht hat. Lustig ist auch die Verdoppelung des Ambientes durch die Interieur-Aufnahme eines Möbelhauses in Hamburg: sogar die skurrile Deckenkonstruktion dort entspricht exakt den Relikten im Stuttgarter Ausstellungsraum.

Manchmal gehen Kunst und Lebensspuren auch so subtile Beziehungen ein, als hätte ein Bühnenbildner die Ensembles gestaltet. Die vielleicht beste Inszenierung aller 34 Beiträge ist "Everybody thinks the same" von Sabine Schründer, eine Serie über die Seelenkrankheit Depression. Zu diesem schwierigen Thema entspinnt die Künstlerin ein poetisches Geflecht aus Bildern und Texten in unterschiedlichen Formaten, Blickweisen und Stilrichtungen. Manches wirkt wie beim hektischen Aufbau einer Ausstellung versehentlich zurückgelassen, anderes höchst artifiziell, und ringsum geht dieses irritierende Gesamtkunstwerk nahtlos in einen Raum über, der seinerseits voll Brüche und rätselhafter Spuren ist - besser kann eine Präsentation kaum sein.

Das gleiche kann man von der Hauptausstellung insgesamt sagen. Im Zentrum des Fotosommers behauptet sie ihren Rang als Landmarke eines weit gedehnten Rahmenprogramms. Dass dieses zu den Rändern hin verflacht und ausfranst, ist unvermeidlich bei 46 kooperierenden Institutionen, die eigenständig agieren. Die Mittelmäßigkeit mancher Galerieware führt vor Augen, wie wichtig das Weglassen ist. Das wissen die Macher dieser Bilderschau, und sie haben diese schwierige Aufgabe klugerweise einer unabhängigen Jury überlassen. Das Stuttgarter Festival hat nämlich in der europäischen Fotoszene so an Renommee gewonnen, dass seit der letzten Ausgabe vor zwei Jahren die Zahl der Bewerbungen aufs Dreifache gestiegen ist: von 150 auf knapp 450. Diesen kaum mehr handhabbaren Zuspruch auf ein überschaubares Maß zu stutzen, ist ein Job für Außenstehende. Die externen Juroren verübten das von ihnen verlangte Massaker und liquidierten hunderte hoffnungsvoller Einsendungen. Von dieser Grausamkeit profitieren nun die Besucher.

Zwar musste die Jury auch Preise vergeben - die es überhaupt nicht bräuchte - und wählte dafür eine etwas bemüht wirkende Inszenierung biografischer Stationen, eine trendig gestylte Story wie aus einem Modemagazin und die konsequente, aber brave Dokumentation von Abrissbauten in Berlin. Doch insgesamt ist die Mischung gelungen. Es finden sich monumental-beklemmende Portraits von Gescheiterten, stille Landschaftsstudien, schreiend bunte Groteskren über Fastfood, trickreiche Montagen aus der digitalen Wunderwelt, erschütternde Anklagen von Armut und Elend, kühl-intelligente Kommentare zur täglichen Bilderflut, elegante Abstraktionen vermeintlich unansehnlicher Kriechtiere, rätselhafte Interieurs, federleicht lustige Bildergeschichten.

Ein lohnender Weg, sich diesen vielfältigen Perspektiven zu nähern, geht so: Man betrachte intensiv die Bilder, nicht aber den beigefügten Titel und die Erklärungen zum Werk. Dann mache man sich einen eigenen Reim auf das, was man sieht: Was hat der Esel aus dem Orient neben der Möwe im Nebel zu suchen; was ist das für ein seltsames Licht über den Landschaften; sind sich die Menschen auf dieser Gruppenaufnahme wirklich begegnet; was stimmt nicht an jenen historischen Fotografien; wo sind diese Interieurs zu sehen; worauf warten jene Leute... - ein Ratespiel mit integriertem Wahrnehmungstraining, besonders unterhaltsam bei den Beiträgen von Sylvia Ballhause, Olaf O. Becker, Anja Bohnhof, Sonja Irouschek, Jörg Koopmann, Chris Richter, Comenius Röthlisberger, Bernhard Timmermann. - Danach erst vergleiche man die eigene Deutung mit den Absichten des Fotografen; und man erlebt am eigenen Denken, wie relativ Wahrnehmung ist, von Wahrheit ganz zu schweigen.

Variieren lässt sich dieses Spiel in zwei weiteren Ausstellungsblöcken, die nicht auf die Ausschreibung des Fotosommers zurückgehen, aber im selben Gebäude zu sehen sind: die Juniorenmitglieder des Bundes der Freischaffenden Fotodesigner (BFF) zeigen angewandte Fotografie zum Thema "Gold" (wobei der Bezug zum Thema bisweilen ziemlich rätselhaft bleibt), und "Klubfoto Hamburg" präsentiert sein Wirken der letzten Jahre. Dabei erweisen sich die Hamburger als Geistesverwandte der Fotosommer-Macher. Beide Teams entstanden als Selbst-ilfegruppen befreundeter Fotografen, um dem mitunter gar nicht so kreativen Berufsalltag etwas Beflügelndes entgegenzusetzen. "Klubfoto" bittet von Zeit zu Zeit Kollegen, je ein Bild zu einem vorgegeben Thema zu machen, stellt die Ergebnisse aus und druckt ein kleines, aber feines Heft dazu. Gezeigt wird alles, was eingesendet wird - ein spannendes Experiment für Macher und Publikum.

Martin Luther, einer der drei "Klubfoto"- Gründer, fasst zusammen, was auch die Macher des Fotosommers antreiben dürfte: "Es geht vor allem um das Vergnügen, eine Plattform zu schaffen, auf der man sich frei bewegen kann."

Bis 7. August, Hauptstätter Straße 111, Mi-Fr 16-20 Uhr, Sa/So 12-18 Uhr. Katalog: Edition Braus.

Ausführliche Informationen zum Rahmenprogramm unter www.fotosommer-stuttgart.de

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